Alle acht Minuten wird ein Uber Fahrgast in den USA Opfer eines sexualisierten Übergriffs. Präventionsmaßnahmen sind überschaubar. ▪Die Betroffenen ziehen derzeit vor Gericht. Uber macht ihnen jedoch eine Mittverantwortung für die erlebte Gewalt zum Vorwurf.
Der Online-Fahrdienstvermittler Uber ist in den USA mit Klagen von 4.400 Frauen wegen sexualisierter Gewalt bei Fahrten konfrontiert. Laut einem Artikel der Tageszeitung New York Times (NYT) von Anfang August wird Uber beschuldigt, die Risiken für die Fahrgäste zwar gekannt, jedoch keine wirkungsvollen Maßnahmen zur Prävention getroffen zu haben.
Das in San Francisco ansässige Unternehmen ging in den Verhandlungen der drei bislang eröffneten Sammelverfahren wenig zimperlich mit den Klägerinnen um, wie aus dem Bericht hervorgeht. Zitiert wird der Fall einer 24‑jährigen Frau aus Florida, die 2021 von einem Uber-Fahrer vergewaltigt worden war. Die Uber Anwälte werfen ihr nun vor, sich „fahrlässig und nachlässig“ verhalten und „zur Entstehung ihrer eigenen Verletzungen beigetragen“ zu haben, weil sie in der betreffenden Nacht Alkohol zu sich genommen und leichte Kleidung getragen hatte. Auch bei anderen Klägerinnen versucht Uber, sie in den öffentlichen Gerichtsverhandlungen bloßzustellen. So beispielsweise gefragt, ob sie zum Zeitpunkt der Tat mit einem Bikini bekleidet waren oder Unterwäsche anhatten. Nach Art einer Täter-Opfer-Umkehr soll der Eindruck entstehen, die Opfer hätten selbst schuld an der erlittenen Gewalt oder sie geradezu herausgefordert.
Auskunft über Missbrauch, häusliche Gewalt oder ihre psychische Gesundheit
Eine andere Prozessstrategie von Uber besteht dem Zeitungsartikel zufolge darin, die Ursache für ein erlittenes Trauma auf weiter zurückliegende Gewalterfahrungen zu verschieben. Die Klägerinnen sollen Auskunft über Missbrauch im Kindesalter, häusliche Gewalt oder ihre psychische Gesundheit machen. Solche Auskünfte werden auch von Angehörigen, Freunden und Therapeuten der Klägerinnen eingeholt. So werden selbst hoch sensible, persönliche Informationen zur Schau gestellt: Beispielsweise wurde von einer Klägerin öffentlich gemacht, dass sie als Mädchen vergewaltigt worden war und eine Abtreibung hatte vornehmen lassen.
Uber räumt 12.522 „schwere sexuelle Übergriffe“ ein
Dass es zu sexualisierter Gewalt gegen Uber-Fahrgäste kommt, leugnet der Konzern nicht. In eigenen Veröffentlichungen räumt er zwar ein, dass zwischen 2017 und 2022 insgesamt 12.522 „schwere sexuelle Übergriffe“ stattgefunden haben, allerdings spielt er das Ausmaß herunter, indem er betont, dass 99,9 Prozent aller Fahrten sicher seien. Aktuelleres Zahlenmaterial aus den Jahren nach 2022 präsentierte Uber bislang nicht.
NewYork Times: Aalle acht Minuten wird ein Uber-Fahrgast in den USA sexuell belästigt
Bereits im August 2025 veröffentlichte die „New York Times“ die Ergebnisse einer großen Recherche, wonach in dem besagten Zeitraum von 2017 bis 2022 die Gesamtzahl der Vorfälle bei Uber-Fahrten mit sexuellen Übergriffen oder sexuellem Fehlverhalten 400.180 ausmachte, darin enthalten die von Uber eingeräumten schweren Taten. Demzufolge wird alle acht Minuten ein Uber-Fahrgast in den USA sexuell belästigt, oder ihm widerfährt Schlimmeres. Für ihre Recherche wertete die Zeitung nach eigenen Angaben Gerichtsakten und interne Dokumente aus und führte Interviews mit aktuellen sowie ehemaligen Mitarbeitern des Unternehmens. Diesen Unterlagen zufolge sind die Opfer nahezu ausschließlich Frauen. Aus Erfahrung weiß man aber, dass auch Männer sexualisierte Gewalt erfahren. Die gesellschaftliche Stigmatisierung ist bei Männern jedoch noch stärker ausgeprägt. Entsprechend seltener wenden sie sich (noch) an die Polizei.
Uber: 75 Prozent sind „weniger ernste“ Vorkommnisse
Von Uber heruntergespielt wird auch das Ausmaß der bekanntgewordenen Gewalt. So meinte die Leiterin für die Sicherheit des Unternehmens, es handele sich bei den über 400.000 von der NYT ermittelten Fällen zu 75 Prozent um „weniger ernste“ Vorkommnisse wie Flirten, derbe Sprüche oder Kommentare über das Aussehen. Die Vorwürfe seien nicht geprüft worden, merkte sie an, es könne sich auch um Falschaussagen von Frauen handeln, die Kostenrückerstattungen erhalten wollten.
Laut Eigen-PR verfolgt Uber „opferzentrierten und „traumasensiblen“ Umgang
Für den Konzern ist es ein sensibles Thema. Der Fahrdienstvermittler steht ohnehin seit Jahren in der Kritik, weil er aggressiv gegen das regionale Taxigewerbe vorgeht und formal selbständige Fahrer arbeiten lässt, denen er Sozialabgaben, Mindestlohn und Überstunden bezahlen müsste, wenn sie regulär als Angestellte unter Vertrag stünden. Um in der Öffentlichkeit dennoch gut dazustehen, versucht sich der Konzern als politisch korrekt zu präsentieren. In der Eigen-PR behauptet er, einen „opferzentrierten“ und „traumasensiblen“ Umgang zu verfolgen. „Sexuelle Gewalt“, so heißt es wörtlich, „ist niemals die Schuld des Opfers“.
Wahl von Uber Fahrerinnen nur in wenigen Städten möglich
In der Vergangenheit prüfte ein Team des Konzerns verschiedene Maßnahmen zur Vorbeugung von sexualisierter Gewalt, wie die New York Times herausfand. Dazu zählen der Einbau von Innenraumkameras, die Nutzung spezieller Algorithmen mit einer Trefferquote von angeblich 15 Prozent aller Risikofahrten und die Option für Kundinnen, Autos mit einer Fahrerin zu bestellen. Jedoch: Die Kameras lehnte die Konzernleitung ab, weil die Fahrer dann rechtlich den Angestelltenstatus erhielten. Die Algorithmen schlugen teilweise zwar an, die Fahrten wurden dennoch vermittelt. Und die Wahl von Fahrerinnen ist nach acht Entwicklungsjahren in nur wenigen US-Städten im Dienst, nachdem das Projekt gleich nach Beginn von Donald Trumps zweiter Präsidentschaft zurückgestellt worden war. Der Republikaner äußert sich immer wieder abwertend und vulgär über Frauen.
Als Grund für Ubers geringe Ambitionen, effektive Maßnahmen zur Vorbeugung von sexualisierten Übergriffen zu ergreifen, nennt die New York Times wirtschaftliche und politische Erwägungen. Es werden die gleichen Überlegungen sein wie die, die zu den bekanntermaßen schlechten Arbeitsbedingungen der scheinselbständigen Fahrer führen – die wiederum als eine wichtige Ursache überhaupt für die Entstehung von sexualisierter Gewalt zu gelten haben.
Autor: Kristian Glaser (kb), Abb.: Pixabay /Tumisu









