Eine aktuelle Studie der Unfallforschung der Versicherer (UDV) zeigt rauer werdendes Verkehrsklima. Untersucht wird der Faktor Mensc und die These Ellenbogenmentalität versus Miteinander. Ein Blick zurück auf die Erfahrungen aus den 70er Jahren mit einer Kampagne für partnerschaftliches Verhalten macht deutlich, wie eine Kultur der Fairness im Straßenverkehr aussehen kann.
Der Straßenverkehr in Deutschland wird rücksichtsloser. Und zwar über alle Altersgruppen und Verkehrsarten hinweg. Das geht aus der Studie zum „Verkehrsklima in Deutschland 2026“ der Unfallforschung der Versicherer (UDV) hervor. Dafür wurden 2.000 Erwachsene repräsentativ nach ihrem Verhalten im Straßenverkehr befragt. Entsprechende Untersuchungen führte die UDV mehrfach seit 2010 durch. Vergleiche sind also möglich.
Die Hälfte der befragten Autofahrer gab aktuell an, gegenüber einem „bummelnden“ Vorausfahrer durchaus zum gefährlichen Mittel des Drängelns zu greifen. Genauso viele führten an, sich wütend abzureagieren, wenn sie sich über einen anderen Verkehrsteilnehmer ärgern. Vor zehn Jahren äußerten sich auf diese Weise deutlich weniger Umfrageteilnehmer: jeweils nur rund ein Drittel. Auch bei den Fahrradfahrern steigt die Aggressivität: Der Anteil derer, die sich ab und zu die Vorfahrt erzwingen, kletterte von 28 Prozent im Jahr 2023 auf jetzt 43 Prozent – ein Anstieg um nicht weniger als die Hälfte.
Verkehrssicherheit immer eine Frage des Miteinanders im Straßenverkehr
Ob das Miteinander im Straßenverkehr von Rücksichtnahme und Aufmerksamkeit für die anderen geprägt ist oder einem Gegeneinander gleicht, wirkt sich direkt auf die Verkehrssicherheit aus. Und die liegt ohnehin im Argen, denn das selbstgesteckte Ziel der Bundesregierung, die Zahl der Verkehrstoten pro Jahr signifikant zu senken, wurde noch nie erreicht, nicht einmal im Ansatz. Schlimmer noch: 2025 wurden sogar mehr Menschen bei einem Unfall getötet als im Jahr zuvor. Zu den Maßnahmen, die die UDV zur Verbesserung des Verkehrsklimas zur Diskussion stellt, gehören Polizeikontrollen, Tempolimits und drastischere Strafen. Jedoch nutzen Sanktionen wegen „individuellen Fehlverhaltens“ gar nichts, wenn sich ein Trend verfestigt hat, der durch bestimmte gesellschaftliche Rahmenbedingungen geschaffen wurde und begünstigt wird.
Im Fokus: Egoismus und Ellenbogenmentalität
UDV-Leiterin Kirsten Zeidler stellt fest, dass die Aggressivität auf den Straßen seit zehn Jahren kontinuierlich wächst. „Das Leben wird immer hektischer, wir sind quasi permanent erreichbar, der Druck nimmt zu“, sagt sie. „Der Zeitgeist läuft der Sicherheit entgegen.“ Für eine wirksame Gegenstrategie hält die UDV-Untersuchung eine aufschlussreiche Erkenntnis parat: Dort wird nämlich eine Zunahme an „instrumenteller Aggression“ konstatiert. Gemeint ist, dass für das eigene Vorankommen Risiken für andere in Kauf genommen werden. Im Klartext: Es geht um Egoismus und Ellenbogenmentalität, eng verbunden mit Vereinzelung.
Im Straßenverkehr ist die Doktrin, wer nur an sich denke, komme weiter, mit fatalen Folgen für das eigene und das Leben anderer verbunden. Davon zeugen aggressives Hupen, gefährliche Fahr- und Überholmanöver, den Weg abschneiden, die Vorfahrt nehmen, vordrängeln. Richtig brutal wird es, wenn die von bestimmter politischer Seite propagierte Haltung, dass für die Durchsetzung des eigenen Vorteils nahezu jedes Mittel recht sei, in die Tat umgesetzt wird. Die entsetzlichen Konsequenzen bekommt man immer wieder bei privaten Autorennen mit waghalsigem Tempo auf öffentlichen Straßen zu sehen.
Jeder vierte Autofahrer tippt hin und wieder Textnachrichten am Steuer
Für die von großen Tech-Konzernen angeheizte Tendenz zur Vereinzelung stehen nichts so sehr wie Smartphones und soziale Medien. Nur so ist die wachsende Zahl an Crashs durch Ablenkung vom Verkehrsgeschehen zu erklären. Der UDV zufolge tippt aktuell jeder vierte Autofahrer hin und wieder Textnachrichten am Steuer, Tendenz weiter steigend, nicht nur unter jungen Autofahrern. Dazu passt die Beobachtung, dass beim Abbiegen der Blinker immer weniger oder viel zu spät gesetzt wird: Man ist nur mit sich beschäftigt und denkt nicht an die anderen Verkehrsteilnehmer. So entstehen Distanzierung und Verdinglichung gegenüber den Mitmenschen statt Empathie. Und dann wird drauflosgefahren.
Kultur der Fairness im Straßenverkehr
Die UDV-Untersuchung offenbart jedoch auch: 92 Prozent der Autofahrer halten sich für rücksichtsvoll gegenüber Radfahrern. Gleichzeitig sind 86 Prozent der Auffassung, dass andere Autofahrer zu eng an Radfahrern vorbeifahren. Beide Aussagen können nicht stimmen. Der Widerspruch lässt sich nur so erklären, dass die allermeisten mindestens eine Ahnung davon haben, dass Rücksichtslosigkeit falsch ist. Das bedeutet, dass viele Menschen empfänglich sind für eine Kultur der Fairness im Straßenverkehr. Vielleicht warten sie sogar darauf.
Wirkung für partnerschaftliches Verhalten auch über den Straßenverkehr hinaus
Wie eine solche Kultur wirksam ins Werk gesetzt wird, zeigt die Kampagne „Hallo Partner – danke schön“ aus den 70er Jahren. Mit klassischer Bildungs- und Aufklärungsarbeit wurden Werte wie Rücksichtnahme, Verständnis für andere und Hilfsbereitschaft in den Vordergrund gestellt. Die so bekannte wie beliebte Kampagne war von der sozial-liberalen Bundesregierung unter Kanzler Willy Brandt als Teil einer umfassenden Verkehrssicherheitsstrategie entwickelt worden, zu der auch die Einführung des Sicherheitsgurts, die flächendeckende Installierung von Notrufsäulen entlang der Autobahnen und der Ausbau des Rettungswesens zählten. Die Wirkung für partnerschaftliches Verhalten entfaltete sich über den Straßenverkehr hinaus. Im Ergebnis wurde die Zahl der tödlich Verunglückten in nur vier Jahren zwischen 1970 und 1974 um ein Viertel reduziert.
Autor: Kristian Glaser (kb); Foto:pixabay / Jill Wellington










