//Lkw-Industrie vor großen Herausforderungen

Lkw-Industrie vor großen Herausforderungen

Die Nutzfahrzeugindustrie steht vor riesigen Herausforderungen: Digitalisierung, Vernetzung, automatisiertes Fahren und alternative Antriebe sind die Innovationstreiber, die die Brache zukünftig umtreiben wird. Auf dem Internationalen Presseworkshop des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), der im Vorfeld der IAA Nutzfahrzeuge, der Leitmesse für Transport, Logistik und Mobilität, gestern in Frankfurt am Main stattgefunden hatte, betonte VDA-Präsident Bernhard Mattes: „Digitalisierung im Verkehr eröffnet ganz neue Möglichkeiten, Mobilität in städtischen Ballungsräumen und darüber hinaus flüssiger und effizienter zu gestalten. Das senkt die Emissionen. Vor allem bringen Digitalisierung, Vernetzung und automatisiertes Fahren einen Quantensprung bei der Verkehrssicherheit.“ Und das vor allem, wenn alle Verkehrsträger zudem zusammenarbeiten würden.

VDA-Präsident Bernhard Mattes beim Presseworkshop: „CO2-Regulierung zu streng für Nutzfahrzeuge“

Der VDA-Präsident wies auf die Vorteile der Digitalisierung am Beispiel Platooning hin, ein System, bei dem mehrere Lkw digital verbunden sind und so in kürzestem Abstand hintereinander herfahren können: „Die Truck Platooning Challenge hat die technische Machbarkeit unter Beweis gestellt, jetzt wird Platooning im realen Logistikbetrieb getestet. Wir sehen, dass damit Spritverbrauch und CO2-Ausstoß um bis zu zehn Prozent gesenkt werden können. Der nächste Schritt ist jetzt der Einsatz gemischter Platoons mit Lkw verschiedener Hersteller. Dadurch wird die Alltagstauglichkeit des Ansatzes sichergestellt.“

Bei der Präsentation alternativer Antriebe sei die Elektromobilität prägend für die IAA, betonte Mattes. Bei Transportern und Stadtbussen sowie im Verteilverkehr mit batterie-elektrischen Fahrzeugen bis zu 26 Tonnen gebe es hierfür viele Einsatzmöglichkeiten. Allerdings dürften die Chancen nicht übersehen werden, die etwa Erdgas für besonders umweltfreundliche Verkehre biete, gerade in Ballungsräumen. Und Mattes fügte hinzu: „E-Fuels aus erneuerbarem Strom eröffnen auch für Lkw die Perspektive eines völlig CO2-neutralen Einsatzes. Außerdem wirken sie nicht nur auf neu zugelassene Fahrzeuge, sondern auf den gesamten Bestand. Das bringt erhebliche CO2-Reduktionen.“ Dennoch, so Mattes, seien bereits erhebliche Fortschritte bei der Reduzierung von Kraftstoffverbrauch und CO2-Ausstoß erzielt worden: „Seit dem Jahr 2000 sind die CO2-Emissionen des Straßengüterverkehrs in Deutschland – trotz Verkehrswachstums – um acht Prozent zurückgegangen, die Emissionen pro Tonnenkilometer sogar um 35 Prozent.“

Der Kraftstoffverbrauch mache gut ein Viertel der gesamten Kosten für den Einsatz eines Fernverkehrs-Lkw aus. Anders als bei Pkw sei der Markt für Nutzfahrzeuge allein effizienzgetrieben. „Niedriger Verbrauch ist daher ein wichtiger Wettbewerbsvorteil am Markt. Deshalb ist es richtig, dass die EU-Kommission in enger Kooperation mit der Nutzfahrzeugindustrie bestrebt ist, die Markttransparenz an dieser Stelle noch weiter zu verbessern. Das Simulationstool VECTO, das ‚offizielle‘, vergleichbare Werte für Verbrauch und CO2-Ausstoß generiert, ist hierfür ein geeignetes Instrument“, sagte Mattes.

Kritisch wertete der VDA-Präsident den Vorschlag der EU-Kommission für eine erstmalige CO2-Regulierung bei schweren Nutzfahrzeugen: „Die Industrie unterstützt eine realistische Regulierung grundsätzlich. Der Vorschlag der Kommission lässt jedoch Maß und Mitte vermissen.“ Die EU-Kommission schlage Ziele für die CO2-Minderung von 15 Prozent bis 2025 und 30 Prozent bis 2030 vor. Diese seien etwa doppelt so hoch wie das, was die Industrie für schon sehr ambitioniert, aber immer noch für machbar halte. „Zudem sind die Strafzahlungen bei Zielverfehlungen extrem hoch und nahezu willkürlich gewählt“, betonte Mattes.

„Kritisch sehen wir ebenfalls, was die EU-Kommission im Rahmen des 2. Mobilitätspakets für die CO2–Flottengrenzwerte von Pkw und leichten Nutzfahrzeugen vorgeschlagen hat. Das Ambitionsniveau von minus 30 Prozent bis 2030 ist schon für Pkw sehr ehrgeizig, für leichte Nutzfahrzeuge ist dieser Wert nicht mehr realistisch“, sagte Mattes. Erstens seien die Bauweisen und Typen leichter Nutzfahrzeuge vielfältig – entsprechend unterschiedlich ist der Verbrauch. Es dürfte damit sehr schwierig sein, einen einheitlichen CO2-Wert umzusetzen. Zweitens seien auch die Potenziale für eine Elektrifizierung außerordentlich unterschiedlich. „Und drittens werden im leichten Nutzfahrzeug neue Technologien meist erst dann eingeführt, wenn sich diese im Pkw bereits bewährt haben“, unterstrich der VDA-Präsident.

Er betonte: „EU-Parlament und Ministerrat sind jetzt gefordert, hier nachzusteuern, um zu einem Ansatz zu kommen, der zwar immer noch ambitioniert sein wird, der aber vor allem auch realistisch und praxisgerecht sein muss. Brüssel macht es sich zu leicht, wenn die Reduktionsraten aus dem Pkw-Bereich einfach auf den ganz anders gelagerten Nutzfahrzeug-Sektor übertragen werden. Leitprinzip jeder CO2-Regulierung muss der Grundsatz der Technologieneutralität sein. Wir müssen alle Potenziale nutzen können.“

Die 67. IAA Nutzfahrzeuge (Motto: Driving tomorrow) findet vom 20. bis 27. September 2018 in Hannover statt. Auf der IAA ist die New Mobility World (NMW) das branchenübergreifende B2B-Ereignis für die Mobilität von morgen. Im Mittelpunkt der NMW stehen vernetztes und automatisiertes Fahren, alternative Antriebe, urbane Logistik und Transportdienstleistungen. Die New Mobility World gibt diesen fünf wichtigen Themen eine eigene Plattform, auf der sich Entscheider und Gestalter darüber informieren sollen, wie Verkehr, Mobilität und Logistik effizienter, grüner und smarter werden können. Mit den drei Eventformaten EXPO, FORUM und LIVE präsentiert die New Mobility World ein umfangreiches Programm mit Erlebnischarakter.
(VDA/bic)