//Rennfahrer und paralympischer Sieger: Alessandro Zanardi gestorben

Rennfahrer und paralympischer Sieger: Alessandro Zanardi gestorben

Der italienische Rennfahrer Alessandro Zanardi ist im Alter von 59 Jahren im Kreise seiner Angehörigen gestorben. Die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni kondolierte und die Welt trauert um einen Ausnahmesportler, der mehrere Schicksalsschläge wegstecken musste und trotzdem den Willen zum Leben immer wieder zeigte.

Alles fing mit einem Unfall auf dem Lausitzring im Jahre 2001 an und das Drama endete mit einem weiteren Unfall bei einer Handbike-Veranstaltung 2020 in der Toskana. Letzterer Unfall war dann wohl der Beginn eines weiteren Leidens, dass nunmehr mit dem Tod endete Ich (Klaus Ridder) schreibe diesen Nachruf, weil ich bei dem Horrorcrash auf dem Lausitzring dabei war. Auch zwei Jahre später konnte ich erleben, wie der an beiden Beinen amputierte Zanardi das Rennen in einem speziell umgebauten Rennwagen zu Ende fuhr und dabei sogar seine Rundenzeiten des Vorjahres erreichte. Wahrhaft ein Ausnahmemensch, dessen Leben nunmehr nach vielen Leiden endete.

Erinnerungen in den Medien und persönliche Erinnerungen

Am 7. September 2012 berichtete die Süddeutsche Zeitung im Sportteil „Ass der Pedale“ – Italien feiert Handbike-Sieger Zanardi. Liest man weiter, so erfuhr man, dass Zanardi früher einmal ein bekannter Autorennfahrer war. Mit seinem Handbike-Sieg ist Alessandro Zanardi zu einem der schillerndsten Akteure der Paralympics geworden. Den Italiener erreichten danach 909 SMS. Am Tag nach dem Rennen waren die italienischen Zeitungen voll des überbordenden Lobes für den ehemaligen Formel 1-Fahrer. Wir erinnern uns: 2001 hatte Zanardi auf dem Lausitzring bei einem Unfall beide Beine verloren. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nicht auch traurig bin“, sagte Zanardi. „Zwei Jahre lang hat mich die Leidenschaft hierhergetrieben. Ab Montag muss ich mir eine neue Beschäftigung suchen, sonst wird es ganz schön langweilig in meinem Leben.“ Für mich war diese einfache Meldung Grund zur Erleichterung, hatte ich doch den Unfall auf dem Lausitzring miterleben müssen.

Abb. 1

Der Unfall am 12.09.2001

Es sind am 12.09.2001 noch 13 Runden beim ChampCar-Rennen „GERMAN 500“ und Zanardi führt – muss allerdings noch kurz vor Ende des Rennens an die Box, um nachzutanken und neue Reifen zu bekommen. Alles läuft planmäßig, doch beim Beschleunigen außerhalb der Boxenausfahrt in einer Linkskurve kommt Zanardi mit den noch kalten Reifen aufs Gras und dreht sich. Der Rennwagen schleudert auf die Rennstrecke, wo Tagliani mit etwa 320 km/h ankommt und den kreiselnden Rennwagen von Zanardi vorne trifft. Ein entsetzlicher Crash. Sofort gelbe Flaggen und das Safety-Car kommt auf die Strecke. Die Helfer holen Zanardi aus dem Auto und bringen ihn in einen Krankenwagen. Zwei Hubschrauber landen. Erstversorgung an der Rennstrecke. Wir sind geschockt. Das Rennen wird hinter dem Safety-Car beendet, es komm für den Sieger Kenny Bräck (S) keine Freude auf. So nebenbei gratuliert der brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe dem Sieger. Eine beklemmende Stimmung, nachdem der gelbe Hubschrauber nach etwa 40 Minuten in Richtung Berlin abfliegt. Schwager Dieter und ich fahren fast ohne Gespräch abends nach Dresden zurück. Am nächsten Tag die erlösende Nachricht: Zanardi hat den Horrorcrash überlebt – aber beide Beine verloren.

Abb. 3

Das Buch „Nicht zu bremsen“

Irgendwann später erwarb ich das Buch „Nicht zu bremsen“. Faszinierend zu lesen, wie es Zanardi mit eisernem Willen geschafft hatte, aus einfachen Verhältnissen mit enormer Willenskraft in die Formel 1 zu kommen und in Amerika in den Jahren 1997 und 1998 zweimal ChampCar-Champion zu werden. Die Rückkehr aus Amerika in die Formel 1 verlief allerdings nicht optimal. Der Kommentar von Niki Lauda vor dem Neustart in der Formel 1: „Der war vorher nix und wird auch nix werden.“ Niki Lauda bekam Recht. Zanardi ging wieder zurück in die Staaten und kam im Top-Team von Mo Nunn unter. Im Gegensatz zur Formel 1 fuhr er wieder vorne mit.

Abb. 4

Genesung und Neustart

Zanardi überlebte den Unfall und der Heilungsprozess dauerte fast ein Jahr. Mit enormer Willenskraft schaffte er es, wieder laufen und Auto fahren zu können. Zwei Jahre später erlebte ich Zanardi am Lausitzring erneut: Er wollte das Rennen von 2001  zu Ende fahren. Mit einem Champcar-Rennwagen, umgebaut auf die Bedürfnisse von Zanardi, fuhr er die restlichen Runden in etwa der gleichen Zeit wie davor und das ohne Beine. Auch in der Tourenwagen-WM war Zanardi mit dabei. BMW hatte ihm einen Rennwagen gebaut mit geänderten Bedienelementen: Bremsen mit den Oberschenkeln, Gas geben und Schalten am Lenkrad. In den Jahren 2005 bis 2008 fuhr Zanardi drei WM-Siege ein und war ansonsten immer vorne mit dabei.

Abb. 5

Ab 2020 wird es ruhig um Zanardi

Nach dem weiteren schweren Unfall 2020 in der Toskana mit lebensgefährlichen Verletzungen wurde es ruhig um Alessandro Zanardi. Langer Krankenhausaufhalt und dann weitere Pflege zuhause. Zanardi konnte nicht mehr kämpfen und verstarb im Kreise seiner Angehörigen. Resümee: Horrorunfall überlebt. Rennfahren ohne Beine. Olympia-Goldmedaille mit Handbike – der Mann Zanardi war nicht kaputt zu kriegen. Doch alles Leben findet einmal ein Ende – das ist nunmehr beim einstigen Superstar Alessandro Zanardi eingetroffen. Aber es bleiben viele Erinnerungen erhalten.

Autor und Abbildungen: Klaus Ridder

 

Abb. 1: Neuanfang: Die amerikanischen ChampCar-Rennwagen starteten 2001 erstmals auf dem Lausitzring in Brandenburg.

Abb. 2 (Aufmacherbild): Letzter Boxenstopp: In der 13.Runde vor Rennende kommt der in Führung liegende Zanardi an die Box zum Nachtanken und Reifen wechseln.

Abb. 3: Horrorcrash bei 320 km/h: Der Rennwagen von Zanardi kommt ausgangs der Boxengasse von der Fahrbahn ab, dreht sich auf die Rennstrecke und liefert sich mit Tagliari eine Vollkollision.

Abb. 4: Rückkehr: Zanardi kommt 2003 wieder zum Lausitzring zurück und fährt die restlichen Runden, die er im Vorjahr aufgrund des Unfalls nicht mehr geschafft hat.

Abb. 5: Zurück auf dem Podest: Zanardi (li.)2003 auf dem Podium mit den Siegern.