Beate Glaser wurde im Jahr 1999 die Johny-Rozendaal-Uhr für ihre Verdienste um den Motorjournalismus verliehen. Die Auszeichnung erfolgte durch den Verband der Motorjournalisten (VdM). In ihrer Dankesrede legte Frau Glaser ihr journalistisches Credo dar. Es hat, obwohl vor mehr als 25 Jahren verfasst, nichts von seiner Relevanz eingebüßt. Auch ihre Prognosen haben sich, trotz ihrer Warnungen, samt und sonders erfüllt.
Der kraftfahrt-berichter (kb) druckt das Redemanuskript jetzt, nach ihrem Ableben im Oktober 2025, erstmals und in voller Länge ab. Es ist ihr journalistisches Vermächtnis. Ihre in feiner und doch klarer Sprache formulierten Grundsätze, ihre Werte und Ziele werden uns bei der Fortsetzung des kraftfahrt-berichters immer begleiten: als Maßstab, Orientierung und auch als Rückenwind. So bleibt Beate Glaser für ihren kb, den sie 52 Jahre lang als Herausgeberin und Chefredakteurin leitete, präsent. Und für Sie, ihre geschätzten Leserinnen und Leser, ihre Kolleginnen und Kollegen, die ihr so wichtig waren. Die Rede wurde am 16. September 1999 nach der feierlichen Übergabe der Johny-Rozendaal-Uhr in Frankfurt am Main gehalten, einen Tag nach Eröffnung der 57. Internationalen Automobilausstellung, der IAA. Der Saal des Frankfurter Römers war überfüllt, unter den Anwesenden befanden sich zahlreiche Weggefährten und Kollegen sowie hochrangige Vertreter der Wirtschaft, von Vereinen und Verbänden. Darunter Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Erika Emmerich, die erste Frau an der Spitze des Kraftfahrt-Bundesamtes, und der langjährige Vorsitzende des VdM, Karl-Heinz Menke. Vor ihnen ergriff Beate Glaser das Wort.
Lieber Herr Menke, liebe VdM-Kollegen,
sehr geehrter Herr Gottschalk,
sehr geehrte Frau Dr. Emmerich,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren!
Diese hohe Ehrung war eine der größten Überraschungen für mich. Nun weiß ich auch endlich, was die Uhr geschlagen hat. Ich danke Ihnen, liebe Kollegen vom VdM, sehr herzlich für die Auszeichnung.
Dass Sie mich in den hochkarätigen Johny-Rozendaal-Kreis aufgenommen haben, empfinde ich als besondere Anerkennung. Zugleich betrachte ich diese Stunde als Würdigung meiner bisherigen Arbeit.
Erlauben Sie mir, bei dieser Gelegenheit an all‘ die Kollegen zu denken, die in den vergangenen Jahren durch ihre Mitarbeit, durch kritischen Rat und Unterstützung dazu beigetragen haben, dass mein kraftfahrt-berichter – einer der ältesten unabhängigen Motorpressedienste – alle Stürme überstanden und den Kurs beibehalten konnte. Stellvertretend für alle. möchte ich neben den Kollegen der ersten Stunde – Winfried Moritz, Michael Hill und Gerhard Koop – vom Handelsblatt vor allem Günter Hendrisch hiermit noch einmal Dankeschön sagen. Johny Rozendaal, dessen Andenken wir mit dieser Uhr pflegen, war, so weiß ich, ein engagierter Motorjournalist und Europäer. Deshalb sehe ich in der Auszeichnung auch für mich die Verpflichtung, in seinem Sinne zu wirken. In einer Zeit, in der die großen Konzerne weltweit operieren, manche längst mächtiger sind als viele Akteure auf der politischen Bühne, hat unser Berufsstand eine ganz besondere Aufgabe. Das bedeutet, kritischer Beobachter der Szene zu sein und sich laut und warnend zu melden, wenn eine Entwicklung zum Schaden für viele, vielleicht sogar für die Allgemeinheit zu werden droht. Hier sind wir verpflichtet, uns zu Wort zu melden.
Ich erinnere nur an die Einführung des Sicherheitsgurtes Anfang der siebziger Jahre. Er wurde von nicht wenigen Kollegen heftig abgelehnt, und ich stand mit meiner Pro-Einstellung nicht selten bei den Diskussionen alleine da. Von Anfang an sah ich in ihm aber die geniale technische Erfindung, um auf relativ einfache Weise schwerste Unfallfolgen zu mindern.
So habe ich mich – als Frau damals ein seltener Neuling – gerne mit den etablierten Platzhirschen gestritten, die den Gurt als Einschnitt in die individuelle Freiheit ablehnten. Heute gehört er zum Auto wie der Motor. Er ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, dass die Technik dem Menschen zu dienen hat und dass Innovationen nicht aus Gründen des Shareholder Value die Mitmenschlichkeit überrollen.
Die Herausforderungen für Motorjournalisten
Wir Journalisten tragen gegenüber der Öffentlichkeit eine große Verpflichtung – alle Anwesenden wissen, dass sie nicht immer leicht zu erfüllen ist. Manchmal ist unser Blick auch allzu sehr auf die Maschine Auto konzentriert, aber heute und mehr noch in Zukunft ist das Automobil Teil – wenn auch ein zentraler – eines sehr komplexen und immer komplizierter werdenden Systems, das „Verkehr“ heißt. Trotzdem – wenn Verkehrskongresse, Umweltkolloquien oder Veranstaltungen wie der Verkehrsgerichtstag in Goslar stattfinden, sind wir Motorjournalisten – von Ausnahmen abgesehen – nicht angesprochen. Selten ist ein Kollege mit von der Partie, wenn es im Fernsehen um eine Diskussion zu Themen wie Auto, Umwelt und Verkehr geht.
Allenthalben bekommen wir die Vorzüge der Kommunikationsgesellschaft gepriesen – doch ich weiß nicht, wie viel Motorressorts in den letzten Jahren landauf, landab geschlossen wurden. Auch hier geht es um Kostenersparnis. Die Motorseite wird heute oft nur noch nebenher betreut. Testwagen wie Vorstellungstermine nicht selten als „Zückerchen“ im Redaktionsstab verteilt – und zur Ferienzeit betätigt sich dann der Chefredakteur selbst als Testfahrer. Den Kollegen in den Pressestellen kann’s recht sein – doch die Glaubwürdigkeit unserer Zunft bleibt auf der Strecke. Und wenn es keine eigenständigen Motorredaktionen in Tageszeitungen mehr gibt, gibt es in diesen Ressorts auch keine Ausbildung mehr. Jeder macht alles – die Resultate können leider schon nachgelesen werden. Hier ist der Verband der Motorjournalisten als Interessenverband gefordert, sich auch gegen mächtige Widerstände für seine Mitglieder, für den Berufsstand, stark zu machen.
Die Entwicklung hin zu sozialen Abhängigkeiten von der Autoindustrie kann – so denke ich – letztendlich auch nicht im Sinne eben dieser Industrie sein. Auch wenn es die Aufgabe von uns Journalisten ist, die Industrie kritisch zu begleiten, so sind wir letztendlich Partner.
Es wäre schön, wenn sich durch meine Anmerkungen eine Diskussion ergäbe – auch mit den Chefredakteuren beziehungsweise Verlegern. Denn schaut man sich einmal die Fülle der Informationen an, die uns jeden Tag erreichen, so sind nicht weniger, sondern eigentlich mehr fachübergreifend informierte und kompetente Motor- beziehungsweise Verkehrsjournalisten gefragt. Einer unserer Kollegen hat mir einmal erzählt, er sage seinen Volontären in den ersten Redaktions-Tagen immer: „Eigentlich müssten unsere Schreibmaschinen und Keyboards waffenscheinpflichtig sein, denn sie können mit dem, was Sie darauf verzapfen, durchaus Menschen umbringen – denken Sie stets daran!“
Ein solches Maß an Verantwortung und Verpflichtung habe ich bisher mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln immer zu tragen versucht. Die heutige Auszeichnung nehme ich als Aufforderung, diesen Weg konsequent und energisch weiterzugehen.
Vielen Dank!
Autorin: Beate M. Glaser †




