//Integriertes Rückhaltesystem: Gurt und Airbag sollen wissen, wen sie vor sich haben

Integriertes Rückhaltesystem: Gurt und Airbag sollen wissen, wen sie vor sich haben

ZF Lifetec führt Insassenerkennung und Insassenschutz zusammen. Rückhaltesystem berücksichtigt jetzt Größe und Gewicht der Insassen. ZF Lifetec präsetiert Innovation erstmals öffentlich.

Gurt und Airbag sind seit Jahrzehnten die wichtigsten Lebensretter im Auto. Selbst die modernsten Sicherheitssysteme wären ohne sie weniger effektiv. Unfallforscher und -mediziner monieren jedoch seit Jahren, dass diese „passiven Rückhaltesysteme“, so der fachliche Oberbegriff, immer noch auf einen 1,75 Meter großen und 75 Kilogramm schweren Mann ausgelegt sind. Nach diesem angeblichen „Durchschnittsmenschen“ werden neue Gurte und Airbags entwickelt und dann auch von zum Beispiel deutlich größeren oder erheblich leichteren Personen genutzt – ebenso von Frauen und das trotz ihrer anderen Anatomie oder älteren Menschen, die in der Regel verletzungsanfälliger sind und daher etwa einen hart gestrafften Gurt nicht gut vertragen.

 Das Ende der „Gleichmacherei“

Einen Schritt in Richtung Beendigung dieser „Gleichmacherei“ hat ZF Lifetec getan. Das zu den führenden Spezialisten für passive Rückhaltesysteme zählende Unternehmen aus Alfdorf bei Stuttgart hat einen Weg gefunden, um Insassenerkennung und Insassenschutz miteinander zu verbinden: Die Kamera der Insassenerkennung sowie Gurt- und Sitzsensoren werden über ein Steuergerät so mit den Rückhaltesystemen verbunden, dass mittels eines Algorithmus Gurt und Airbag möglichst derart ausgelöst werden, dass sie maximalen Schutz je nach Unfallsituation sowie Sitzposition, Größe und Gewicht des Insassen verschaffen. Damit will ZF Lifetec dem Ziel eines individuell abgestimmten Schutzes für Fahrzeuginsassen näherkommen. Den neuen Systemansatz präsentierte der Zulieferer auf der Fachmesse „InCabin“ vom 22. bis 24. September in Barcelona erstmals der Öffentlichkeit.

Rechner bestimmen einzelne Parameter

Harald Lutz von der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bei ZF Lifetec sagt: „Neben Parametern wie Aufprallrichtung, -ort und -schwere ist es genauso wichtig zu wissen, wer auf einem Sitzplatz sitzt, wie diese Person positioniert ist und welche Rückhaltestrategie den höchsten Schutz bietet.“ Im Rahmen einer solchen Strategie bestimmen die Rechner, welcher Airbag wann ausgelöst wird, wie stark er mit Gas befüllt wird und wie schnell Luft wieder entweichen darf, was wichtig zur Entlastung von Kopf und Gesicht ist. Außerdem wird danach die Stärke des Gurtspanners und des Gurtkraftbegrenzers eingestellt. Konkret: Bei einer leichten Person wird der Gurt weniger aggressiv vorgespannt, die Gurtkräfte früher begrenzt, und den Airbag lässt man etwas weicher wirken als bei einer schweren Person. Bei einer schweren Person muss mehr Bewegungsenergie aufgenommen werden, was bedeutet: stärkere Gurtvorspannung, höhere Gurtkräfte, längere Abstützung über den Airbag (Gas entweicht langsamer). Bei dicht am Lenkrad und damit am Airbag sitzenden Fahrern muss die Auslösung des Airbags früher erfolgen, und die Airbagkammern müssen so befüllt werden, dass der Prallsack dem Insassen nicht direkt ins Gesicht schlägt. Gleichzeitig reduziert man die Belastung von Brust- und Kopf. Um alle diese unterschiedlichen Anforderungen bedienen zu können, muss der Airbag über eine variable Entlüftung für schnelles oder langsames Zusammensacken und über eine anpassbare Kissengeometrie verfügen; der Gurt benötigt eine mehrstufige Kraftbegrenzung.

Möglichkeiten für automatisiertes Fahren

Die Möglichkeiten, die aus dieser Zusammenführung von Insassenerkennung und -schutz erwachsen, sollen auch mit Blick auf das eines Tages vielleicht Verbreitung findende automatisierte Fahren genutzt werden. Etwa wenn es sich ein Insasse gemütlich machen möchte und auf einem weit zurückgelehnten Sitz döst. Für diese Konstellation hätten herkömmliche Gurte und Prallsäcke höchstens einen geringen Effekt, weil sie weitgehend ins Leere gingen. Anders das neue integrierte System von ZF Lifetec, das sich auch auf diese Art Anforderungen ausrichten lässt, wie das Unternehmen verspricht.

Der technische Fortschritt besteht darin, dass das neue System nicht nur erkennt: „Da sitzt jemand“, sondern vielmehr: „Da sitzt eine etwa 1,60 Meter große, schwere Person, leicht nach vorn geneigt und korrekt angeschnallt.“ Diese Informationen werden vom Steuergerät ausgewertet und fließen in die Ansteuerung von Gurt und Airbag ein. Für Frauen und ältere Menschen gibt es damit jedoch noch immer keine spezifische Abstimmung.

Autor: Kristian Glaser (kb); Abbildung: Pixabay / OpenIcons