Bündige und versenkbare Türgriffe haben sich in den vergangenen Jahren zu einem charakteristischen Designelement moderner Elektrofahrzeuge entwickelt. Sie verbessern die Aerodynamik, reduzieren den Luftwiderstand und ermöglichen glatte Karosserieflächen. Gleichzeitig zeigen Unfallanalysen und Einsatzberichte der Feuerwehren, dass diese Systeme im Ernstfall erhebliche Risiken bergen können. Der Konflikt zwischen Design, Effizienz und passiver Sicherheit rückt damit zunehmend in den Fokus der Verkehrssicherheitsarbeit. China hat als erstes Land regulatorisch reagiert.
Die Entscheidung Chinas verdeutlicht die sicherheitstechnische Relevanz des Themas und könnte auch für europäische Normungsprozesse Impulse geben. So erfolgt hierzulande bei vielen aktuellen Fahrzeugen die Türöffnung elektrisch über Sensoren oder Taster. Die mechanische Verbindung zwischen Griff und Schloss entfällt oder ist nur als versteckte Notlösung vorhanden. Im normalen Betrieb funktioniert dieses System zuverlässig, im Unfallfall jedoch entstehen mehrere kritische Szenarien:
- Ausfall der 12-Volt-Versorgung nach Crash oder Airbagauslösung
- Beschädigung von Leitungen oder Steuergeräten
- Blockierte Türen bei deformierter Karosserie
- nicht auffindbare Notentriegelungen für Insassen und Ersthelfer
Während konventionelle Türgriffe intuitiv bedienbar sind, erfordern elektrische Systeme fahrzeugspezifisches Wissen. Unter Stress, bei Rauchentwicklung oder bei bewusstlosen Insassen führt dies zu Zeitverlusten.
Notentriegelungen klar kennzeichnen
Ein Gespräch in einem Autohaus verdeutlicht die Diskrepanz zwischen konstruktiver Auslegung und wahrgenommener Betriebssicherheit. Beim Ford Mustang Mach-E erfolgt die Türöffnung außen ausschließlich über elektronische Taster, mechanische Türgriffe sind nicht vorhanden. Die Türen werden elektrisch entriegelt und springen anschließend leicht auf. Auf die Frage, wie im Fall einer entladenen 12-Volt-Batterie die Türen von außen geöffnet werden können, wurde im Verkaufsgespräch geantwortet, dass dieser Zustand nicht eintreten könne, da stets ausreichend Spannung vorhanden sei, um die Türsysteme zu betreiben. Aus rettungstechnischer Sicht ist diese Aussage kritisch zu bewerten. Unfallanalysen zeigen, dass es in Folge von Kollisionen, Kurzschlüssen oder Airbag-Auslösungen sehr wohl zu einem Ausfall der Bordnetzversorgung kommen kann. In solchen Fällen sind elektrische Türöffner nicht funktionsfähig. Zwar verfügen Fahrzeuge über interne Notentriegelungen, diese sind jedoch für Ersthelfer von außen nicht zugänglich und für Insassen teilweise schwer auffindbar. Das Beispiel verdeutlicht zwei sicherheitsrelevante Aspekte:
- Im Fahrzeughandel besteht nicht immer ein ausreichendes Bewusstsein für rettungstechnische Szenarien.
- Die Einweisung der Kunden in Notfunktionen erfolgt uneinheitlich.
Für die Verkehrssicherheitsarbeit ergibt sich daraus die Forderung, Notentriegelungen klar zu kennzeichnen, standardisiert zu positionieren und bereits bei der Fahrzeugübergabe verbindlich zu erläutern. Nach Einschätzung von Tanja Hellmann, Feuerwehr Dortmund, stellen versenkbare Türsysteme ein reales Einsatzproblem dar. Einsatzkräfte müssen zunächst das Öffnungssystem identifizieren, bevor sie Zugang zum Innenraum erhalten. Bei Elektrofahrzeugen mit Hochvoltbatterien und möglicher Rauchentwicklung wirkt sich jede Verzögerung unmittelbar auf die Überlebenschancen der Insassen aus. Die taktische Reihenfolge der Rettung – Sicherung des Fahrzeugs, Abschalten des Hochvoltsystems, Schaffung einer Erstöffnung und anschließende technische Rettung – wird durch nicht eindeutig erkennbare Türmechanismen erschwert.
Im Fall der Fälle: Türöffnung wird zur zeitkritischen Maßnahme
Bei Fahrzeugbränden, insbesondere bei Lithium-Ionen-Batterien, entstehen innerhalb kürzester Zeit toxische Rauchgase. Kann eine Tür nicht unmittelbar geöffnet werden, drohen:
- Rauchgasintoxikation
- thermische Verletzungen
- verzögerte medizinische Versorgung
Damit wird die Türöffnung zur zeitkritischen Maßnahme, die nicht von elektrischen Systemen abhängig sein darf.
Rettungskarten und digitale Systeme: kein Ersatz für mechanisch funktionierende Türöffnungen
Ein wesentliches Instrument zur Bewältigung der zunehmenden Fahrzeugkomplexität sind Rettungskarten. Sie enthalten fahrzeugspezifische Informationen zu:
- Airbags und Gurtstraffern
- Hochvoltbatterien und Trennstellen
- Karosserieverstärkungen
- geeigneten Schnittpunkten für hydraulische Rettungsgeräte
Der standardisierte Ablageort hinter der Fahrersonnenblende ermöglicht einen schnellen Zugriff. Ergänzend stehen digitale Systeme zur Verfügung. Über QR-Codes am Fahrzeug oder Softwarelösungen wie SilverDAT FRS können Rettungskräfte das passende Rettungsdatenblatt abrufen. Leitstellen können zudem über Kennzeichen oder die Fahrzeug-Identifizierungsnummer (FIN) fahrzeugbezogene Daten ermitteln. Beim automatischen Notruf eCall wird die FIN direkt übertragen, sodass die richtige Rettungskarte bereits vor Eintreffen der Einsatzkräfte vorliegt. Diese Systeme verbessern die Informationslage erheblich, ersetzen jedoch keine mechanisch funktionierenden Türöffnungen. Ersthelfer vor Ort haben in der Regel keinen Zugriff auf Datenbanken, QR-Codes können beschädigt sein und deformierte Kennzeichen erschweren die Identifikation.
Die Tür als primärer Rettungsweg
China hat auf Basis von Unfallanalysen entschieden, dass ab 2027 nur noch Fahrzeuge zugelassen werden, deren Türen mechanisch und unabhängig von einer Stromversorgung geöffnet werden können. Bereits zugelassene Fahrzeuge müssen bis 2029 nachgerüstet werden. Diese Maßnahme folgt dem Grundsatz, dass die Tür als primärer Rettungsweg jederzeit funktionsfähig sein muss. Sie könnte langfristig Einfluss auf internationale Sicherheitsbewertungen und Crashtestkriterien haben. Aus Sicht der Verkehrssicherheit ergibt sich eine klare Priorität:
- Mechanisch und intuitiv bedienbare Türöffnungen
- Standardisierte, gut auffindbare Notentriegelungen
- Rettungskarten in analoger und digitaler Form
- Digitale Fahrzeugidentifikation über KBA, FIN und eCall
Nur das Zusammenwirken dieser Elemente ermöglicht eine schnelle und sichere technische Rettung.
Für Hersteller bedeutet dies:
- mechanische Redundanz bei Türsystemen
- einheitliche Positionierung von Notentriegelungen
- klare Kennzeichnung von Rettungspunkten
- Integration in bestehende Rettungsdatenstandards
Für die Verkehrssicherheitsarbeit ergibt sich die Notwendigkeit, Designentscheidungen stärker unter rettungstechnischen Gesichtspunkten zu bewerten.
Maßstab für zukünftige internationale Normen
Versenkbare Türgriffe sind ein Beispiel dafür, wie Design- und Effizienzüberlegungen lebenswichtige Funktionen beeinflussen können. Digitale Rettungsdaten und Rettungskarten stellen wichtige Hilfsmittel dar, können jedoch konstruktive Defizite nicht kompensieren. Die Fahrzeugtür ist im Unfallfall der entscheidende Rettungsweg. Ihre mechanische Funktionsfähigkeit und intuitive Bedienbarkeit müssen daher oberste Priorität haben. Die regulatorische Entwicklung in China unterstreicht diesen sicherheitstechnischen Grundsatz und könnte als Maßstab für zukünftige internationale Normen dienen.
Autor und Abbildungen: Uwe Zörb
Abbildungen / Slideshow: Beim Ford Mustang Mach-E werden die Türen aussen auschließlich über elektronische Tasten geöffnet. Bei Herstellern wie beispielsweise Mercedes oder Hyundai liegen die Türgriffe bündig in der Karosserie und fahren automatische aus, sobald sich der Fahrer mit dem Fahrzeugschlüssel nähert. Doch was, wenn die Bordnetzversorgung ausfällt?
Weiterführende Links
ADAC. (2026). Die Rettungskarte zum Download.
https://www.adac.de/rund-ums-fahrzeug/unfall-schaden-panne/rettungskarte/
DEKRA. (2026). Rettungskarte – wichtige Fahrzeuginformationen für Einsatzkräfte.
https://www.dekra.de/de/rettungskarte/
Kraftfahrt-Bundesamt. (2012). Fahrzeugdaten retten Leben.
https://www.kba.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/Allgemein/2012/pm_fahrzeugdaten_retten_leben_pm.html
Leitstelle Lausitz. (2019). Rettungskarten – Informationen für Einsatzkräfte vor Ort.
https://www.leitstelle-lausitz.de/rettungskarten-informationen-fuer-einsatzkraefte-vor-ort/
VDIK. (o. J.). Rettungsdatenblätter und SilverDAT FRS.
https://www.vdik.de/themen/sicherheit-und-verkehr/rettungsdatenblaetter/
Deutschlandfunk. (2026). China verbietet als erstes Land versteckte Auto-Türgriffe.
https://www.deutschlandfunk.de/china-verbietet-als-erstes-land-versteckte-auto-tuergriffe-100.html
Heise Online. (2026). China: Versteckte Türgriffe an Neuwagen werden verboten.
https://www.heise.de/news/China-Versteckte-Tuergriffe-an-Neuwagen-werden-verboten-11163060.html
ntv. (2026). Versenkbare Türgriffe – Designtrend kann im Notfall gefährlich werden.
ZDFheute. (2026). Versenkbare Türgriffe an Autos: China verbietet Technik.
https://www.zdfheute.de/wirtschaft/china-autotueren-versenkbare-tuergriffe-verbot-100.html










